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Die langsame Transformation einer Stadt

Auch Rom wurde nicht in zwei Tagen erbaut

12/26/2015

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Manni Schneiderbauer
Foto: Monique "Mo" Steiner
Vor genau drei Jahren hatte ich im letzten Editorial an die Geduld jener appelliert, die nach der Gemeinderatswahl rasche Änderungen in der Verkehrspolitik forderten. Ich listete damals eine Reihe von Punkten auf, die damals noch nicht erledigt, aber bereits in Arbeit waren. Dieses Editorial möchte ich mit einer kurzen Zwischenbilanz beginnen.

Hier also noch einmal jene Liste vom 28. Dezember 2012, und was daraus geworden ist: Das wichtigste all dieser Projekte war und ist der Ausbau des Schienennetzes, ob Tram oder S-Bahn. Bei beidem konnten wieder Fortschritte erzielt werden, die Neubaustrecke am Innrain wurde fertiggestellt und in Betrieb genommen, und in den Stadtteilen Pradl und Hötting wurden von 2013 bis 2015 weitere rund zwei Kilometer Gleis für die neuen Linien 2 und 5 verlegt. Auch wenn manche, mich eingeschlossen, mit der technischen Ausführung der Neubaustrecken nicht ganz glücklich sind - es fehlen Rasengleise, und die begleitende Umgestaltung des Stadtraums lässt zu wünschen übrig, sie erschöpft sich meist im Anlegen neuer Baumreihen: das neue System wird seinen Hauptzweck erfüllen und viele AutofahrerInnen zum Umsteigen auf die Schiene bewegen. Das zeigt sich schon jetzt in den gestiegenen Fahrgastzahlen der Linie 3, wo die Prognose von 2.500 zusätzlichen Fahrgästen pro Tag durch den neuen Westast schon 2014 um 1.500 übertroffen wurde. Mit der aktuell in Umsetzung befindlichen Beschleunigung der Linie 3 wird sich die Zahl der NutzerInnen noch weiter erhöhen.

Die Erweiterung des Innsbrucker Schienennetzes darf jedoch auch nach 2020 nicht zum Stillstand kommen. Die größten Herausforderungen werden dann zunächst der Weiterbau der Linie 5 von Rum nach Hall und ein Ausbau der Linie 6 zur Anbindung der Speckgürtelgemeinden im östlichen Mittelgebirge, aber auch weitere S-Bahnhöfe in den Stadtteilen sein.

Die Tram kann nicht nur in Innsbruck, sondern in ganz Österreich auf ein gutes Jahr zurückblicken. Wien konnte sich endlich von Siemens loseisen, deren Produkt, die ULF-Niederflurstraßenbahn, mit einer Nichtverfügbarkeitsrate von bis zu 25% und extrem hohem Schienenverschleiß bei geringem Komfort für die Fahrgäste ein teurer Fehlgriff gewesen war. Nun wurde auch in Wien das weltweit bewährte Produkt von Bombardier, der Flexity, bestellt.
Auch in Oberösterreich werden Schienen gelegt - zwar nicht in Linz, aber nahe Linz wird an der Verlängerung der Regionalbahnlinie 3 in die Nachbarstadt Traun gearbeitet. Und in Gmunden wurde erst im November das erste Stück Neubaustrecke am Rathausplatz fertiggestellt, dort ist auch die erste bestellte Niederflurstraßenbahn von Vossloh-Kiepe eingetroffen.

Weltweit sieht es in den Industrieländern immer noch sehr gut für die Straßenbahn aus. Neue Tramsysteme entstanden und entstehen weiterhin vor allem in Europa, aber auch in Nordamerika, Japan, und neuerdings sogar in China, etwa in den Millionenstädten Suzhou und Shenzen, wo der Bedarf nach umweltfreundlichen Verkehrsträgern aufgrund der massiven Umweltprobleme besonders groß ist.
Auch einige Entwicklungs- und Schwellenländer haben inzwischen Wege gefunden, Modernisierung und Neubau von Tramsystemen zu finanzieren, so etwa die neue Tram in Casablanca, Marokko; grundsätzlich sieht es dort aber nicht so gut aus. In Russland etwa sind in den vergangenen Jahren viele Trambetriebe aus Finanzmangel geschlossen worden, zuletzt etwa Dserschinsk erst im vergangenen Monat. In diesen Ländern kommt es aber sehr auf die lokalen AkteurInnen an - in der russischen Stadt Twer etwa wurde das vollkommen marode Schienennetz innerhalb weniger Monate mit geringen Mitteln saniert, und das Image der Tram in der Bevölkerung mit einigen Niederflurfahrzeugen aus russischer Produktion gehoben.

Hoffnung gibt nun der Weltklimavertrag, der die Regierungen zwingen wird, längst notwendige Investitionen in den Schienenverkehr zu tätigen. Auch in Österreich wird sich das auswirken, und es besteht nun wieder Hoffnung, dass die von den Landeshauptstädten seit vielen Jahren geforderte Investitionsbeteiligung des Bundes an städtischen Schienenverkehrsprojekten analog zur Mitfinanzierung der Wiener U-Bahn endlich im Parlament beschlossen wird.

Die meisten, die das hier lesen, leben in Innsbruck oder haben zumindest einen Bezug zu dieser Stadt. Für mich ist mein Bezug zu Innsbruck, wo ich geboren und aufgewachsen bin, eine treibende Kraft, um diese Website zu betreiben und an der Verbesserung des Verkehrssystems aktiv mitzuwirken. Innsbruck hat vor rund 30 Jahren begonnen, sich vom käsigen Provinznest in eine weltoffene, moderne, multikulturelle Großstadt zu verwandeln. Diese Transformation dauert immer noch, aber sie schreitet voran und man merkt das an allen Ecken und Enden. Urbanität, wie sie heute verstanden wird, bedeutet auch Rückgabe des öffentlichen Lebens-Raumes an die in der Stadt lebenden und arbeitenden Menschen und damit ganz unweigerlich verbunden eine aktive Zurückdrängung des mit der dicht besiedelten Großstadt nicht kompatiblen Autoverkehrs. Ich werde auch in Zukunft daran arbeiten, dass wir dem Ziel der Transformation Innsbrucks auch in dieser Hinsicht Stück für Stück näher kommen.
Im Jahr 2015 liegt laut einer IVB-Mobilitätsuntersuchung im Modal Split der öffentliche Verkehr mit 26% erstmals gleichauf mit Auto und Motorrad mit ebenfalls 26%. Wir sind auf dem richtigen Weg.

Zum Schluss bleibt mir wie immer nur der Dank an alle LeserInnen von strassenbahn.tk, dem seit mittlerweile 12 Jahre bestehenden Online-Fachmagazin über Innsbrucks Straßenbahn, an alle, die uns auf Facebook, Instagram und YouTube folgen, vor allem aber an all jene, die an diesem Projekt mitarbeiten, an jene, die uns mit Informationen versorgen, an die aktiven NutzerInnen des angeschlossenen Inntram-Forums und ganz besonders an die Firma ITEG IT Engineers Gmbh, die das Forum und sämtliche Mediendateien der Website kostenlos hostet und sich im Hintergrund darum kümmert, dass technisch immer alles rund läuft. Im Lauf der Jahre hatten wir mehrere Hoster, und bei allen kam es immer wieder zu Problemen mit Geschwindigkeit und Erreichbarkeit. Nicht so bei ITEG. Wer einen Hoster sucht, egal ob privat oder gewerblich, ist dort bestens aufgehoben - und das sage ich aus persönlicher Überzeugung, nicht weil ich dafür bezahlt werde. :)

Alles Gute und ein gesundes und erfolgreiches Neues Jahr!

Signatur
Manni Schneiderbauer



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